Richtig Lernen für die Prüfung – Teil 3

von Barbara Klostermann, 1. Juni 2009,

Effektives Lernen und Merktechniken

Richtig Lernen

Richtig Lernen (Bild: Henry Klingberg / PIXELIO)

Nachdem es im ersten Teil der Serie um das richtige Lernumfeld ging (Heft 4/2008) und im zweiten Teil Zeitmanagement und Zielsetzung fokussiert wurden (Heft 1/2009), beleuchtet der dritte Teil das effektive Lernen und verschieden Merktechniken.

Den „richtigen Stoff” lernen – das Pareto-Prinzip

Der italienische Ökonom Vilfredo Pareto fand im 19. Jahrhundert bei Untersuchungen heraus, dass ungefähr 80% des italienischen Volksvermögens auf ca. 20 % der Bevölkerung entfielen. Diese 80:20-Regel lässt sich auf viele Bereiche übertragen – so auch auf das Lernen. Mit 20% des richtigen Einsatzes kann 80% des Erfolges erreicht werden. Denkt man beispielsweise an das Erlernen einer Sprache, so ist es möglich mit den richtigen 20% des Vokabulars etwa 80% der Konversationen erfolgreich zu meistern.

Der Schlüssel zum effektiven Lernen liegt daher zunächst darin, die wesentlichen Grundbausteine des Gebiets auszufiltern, anstatt sich in Details zu verrennen, da fälschlicherweise angenommen wird, nur so könne man erfolgreich eine Prüfung bestehen.

Das Wissensnetz „Gehirn” richtig nutzen

Das Gehirn hat eine Struktur, die man mit einem Netz vergleichen kann. Alles, was an neuem Wissen hinzukommt, wird an bestehendes Wissen angeknüpft. Insofern erleichtert ein Vorwissen bzw. das Vorhandensein der wesentlichen Grundbausteine das Lernen und später auch das Auffüllen mit Details ungemein.

Wenn für eine völlig neues Gebiet noch kein „Grundnetz” zum Anknüpfen vorhanden ist, kann man sich mit Merkhilfen und Eselsbrücken die notwendige Verbindung zu bestehendem anderen Wissen verschaffen, so dass auch hier neues Wissen leichter verankert werden kann.

Der Vergessenskurve Beachtung schenken: Sinngebung und Wiederholung

Der Psychologe Herrmann Ebbinghaus erforschte, wie lange eine aufgenommene (sinnfreie) Information eigentlich im Gedächtnis bleibt. Dabei kam er zu dem Ergebnis, dass schon nach einer Stunde nur noch auf etwa die Hälfte des Gelernten zurückgegriffen werden kann. Nach einem Tag verbleibt nur noch ca. ein Drittel und nach einer Woche ist nur noch ein Viertel des Erlernten abrufbar. Tröstlich ist dabei einzig, dass diese Vergessenskurve nie ein Fünftel unterschreitet. Allerdings steigt das Erinnerungsvermögen um das Zehnfache, wenn man etwas Sinnvolles lernt.

Aus diesen Erkenntnissen lassen sich zwei Grundregeln für das effektive und nachhaltige Lernen ableiten. Erstens ist es wichtig, dem Stoff einen Sinn zu geben. Es bringt nichts, einfach etwas zu „lernen”, weil man es muss, ohne sich Gedanken darüber zu machen, welche Existenzberechtigung und welchen Hintergrund die zu erlernende Information hat. Kommt man nicht sofort hinter den tieferen Sinn, ist es immernoch besser, der Materie einen eigenen Sinn nach seiner Vorstellung zu geben, als sinnfrei drauflos zu lernen.

Die zweite Grundregel lautet „Wiederholen”. Ohne Wiederholung ist der Stoff nicht lange abrufbar. Wichtig ist beim Wiederholen vor allem, dass regelmäßig und zeitnah wiederholt wird. Betrachtet man die Ergebnisse von Ebbinghaus, so sollte schon am Ende des Lern- und Ausarbeitungstages mit den Wiederholungen angefangen werden. Besonders effektiv soll ein Wiederholungsrhythmus sein, der den ersten, neunten und dreißigsten Tag berücksichtigt. Dies soll jedoch nur einen Richtwert darstellen. Im Endeffekt hilft es nur, durch Ausprobieren seinen eigenen effektiven Rhythmus zu finden, wobei jedoch die wertvollen Erkenntnisse Ebbinghauses berücksichtigt werden sollten.

Informationen aufnehmen, auseinanderhalten und schnell abrufbar halten – die Mnemotechnik

Es bestehen vielfältige Möglichkeiten, dem Gehirn die Aufnahme und Verankerung von Informationen zu erleichtern. Die eingangs schon erwähnten Eselsbrücken und Merkhilfen sind bei richtiger Anwendung in ihrem Erfolg nicht zu unterschätzen. Im folgenden sollen einige der vielfältigen Spielarten der Mnemotechnik näher beleuchtet werden.

Bilder zur Assoziation

Das Gehirn ist so ausgelegt, dass visuelle Informationen wesentlich besser abgerufen werden können als abstrakte. Verknüpft man die zu erlernenden Informationen mit Bildern bzw. integriert eine grafische Untermalung idealerweise gleich in die Lernmaterialien, kann über die schnell abrufbare visuelle Information die dazugehörige abstrakte recht problemlos hergeleitet werden.

Dabei ist es auch durchaus hilfreich, festgefahrene Bilder, die eh schon vorhanden sind, auszunutzen. Wenn man sich beispielsweise die englische Vokabel für „Apfel” einprägen möchte, hilft einem das Bild eines Apfels schon einmal ein bisschen weiter. Verwendet man jedoch das Bild eines Macbooks von apple, so nutzt man eine bereits bestehende, verinnerlichte Information aus, um dem Gehirn einen notwendigen Anknüpfungsfaden zu bieten.

Aber nicht nur statische Bilder verhelfen zu einem höheren Lernerfolg. In Bereichen, in denen es sich anbietet, können auch kleine Filme im Kopf die Information konservieren. Zum Beispiel juristische Figuren, etwa im Strafrecht, können wesentlich leichter verinnerlicht werden, wenn im Kopfkino der Film eines realen Geschehens produziert wird – ähnlich wie ein Sachverhalt in einem Fallbuch oder einer Klausur, nur auf ein Einzelproblem beschränkt.

Verschiedene Bilder und Filmsequenzen lassen sich auch untereinander verknüpfen. Will man sich mehrere Begriffe gleichzeitig einprägen, kann man diese in ein einziges Bild intergrieren. Möchte man beispielsweise lernen, dass Goethe „Die Leiden des jungen Werther” geschrieben hat, so kann man sich etwa einen leidenden Goethe vorstellen, der in einer Gefängniszelle sitzt und von einem Wärter sein Essen gereicht bekommt. „Die Leiden des jungen Werther” sind ein Briefroman. Also sitzt der leidende Goethe in der Zelle und liest einen Roman, der Gefängniswärter kommt und bringt ihm Briefe von „Lotte”.

Je verrückter und einfältiger, umso besser

Eine weitere Eigenart des Gehirns ist, dass es sich Dinge umso besser einprägen kann, je ausgefallener und verrückter sie sind. Daher sollte bei der Wahl von Bildern und Begriffen eher auf kuriose Inhalte zurückgegriffen werden, anstelle auf abstrakte. Statt den Täter im Jurafall einfach A zu nennen, ist es beispielsweise besser einen Bekannten handeln zu lassen.

Auf Wortebenen arbeiten

Oft lassen sich Fachbegriffe oder abstrakte Ausdrücke gehirngerecht aufbereiten, wenn man nach etwas Geläufigem sucht, das zur Assoziation beiträgt. Nimmt man etwa den Begriff „Globalisierung” und betrachtet vor dem geistigen Auge einen Globus, so hat man die Brücke zu einem Prozess zunehmender weltweiter Verflechtung schnell geschlagen.

Feststehende Reihenfolgen und Begriffsgruppen einprägen und abrufen

Um sich feststehende Reihenfolgen oder Begriffsgruppen einzuprägen, bieten sich mehrere Möglichkeiten an. Eine sehr geläufige Variante stellt dabei die Neuschöpfung eines (Fantasie-) Merkwortes dar.

Möchte man z.B. die Definition des Begriffs „Podcasting” erlernen, so bildet man aus den Anfangsbuchstaben oder -silben ein persönliches Merkwort: Podcasting ist das Produzieren und Anbieten von Mediendateien über das Internet, also Podcasting = ProdAnbiMeInt (Schlüsselwort = Prodanbimeint). Diese Technik bietet sich nicht nur für Definitionen, sondern auch für Prüfungsschemata an.

Eine andere Möglichkeit, um sich derartige Informationen einzuprägen stellt der geistige Spaziergang dar. Hierzu ein Beispiel, wie man sich die englischen Adverbien einprägen kann, die nicht durch das Anhängen von -ly gebildet werden: Es ist früh am morgen (early). Ich gehe schnell (fast) die Straße hinunter. Die Straße wird von einer niedrigen (low) Mauer begrenzt. Daneben ist ein tiefer (deep) Graben. Auf der rechten Seite steht ein hohes (high), blaues Haus. Ich habe es nicht mehr weit (far) bis zur Uni. Das ist auch gut, denn ich möchte nicht zu spät (late) kommen… .

Diese Technik hilft vor allem beim Abrufen von Informationen, da man eine Situation kreiert hat, in die man sich immer wieder hereinversetzen kann. Diese Erinnerungen kann man genauso abrufen, als hätte man sie tatsächlich erlebt. Wichtig ist, dass man selbst die Hauptrolle in diesen geistigen Spaziergängen spielt. Auch hier gilt, dass besonders ausgefallene, kuriose und verrückte Geschehensabläufe am einprägsamsten sind.

Die Anwendung des Gelernten als Schlüssel

Was es bei allen Merkhilfen und Gedächtnisstützen jedoch nicht zu vergessen gilt, ist, dass der wichtigste Faktor für ein effektives Lernen die stetige Anwendung des Gelernten darstellt.

Diese Bedeutung kann man sich am besten vor Augen führen, wenn man darüber nachdenkt, wie man z.B. Tätigkeiten wie Autofahren, Kochen oder ähnliches gelernt hat. Dafür hat man nicht stundenlang Bücher gewälzt, die die Technik der Tätigkeit aufzeigen, sondern man hat diese durch Anwendung in der Praxis gelernt.

Natürlich lässt sich nicht alles Wissen aus Büchern während des Studiums schon praktisch anwenden. Jedoch ist es äußerst sinnvoll, die Möglichkeiten, die sich aber in gewissen Bereichen bieten, auch umfassend auszuschöpfen.

So sollte z.B. der angehende Jurist auf keinen Fall das Lösen von Fällen unterlassen und nur mit einem Lehrbuch Stoff konsumieren. Der Lehramtsstudent kann seine pädagogischen Erkenntnisse etwa im Rahmen von Nachhilfestunden für Schüler praktisch anwenden. Diese Reihe lässt sich für die unterschiedlichsten Studiengänge beliebig fortsetzen.

Und wer denkt, für sein Studienfachgebiet kein Praxisfeld auftun zu können, der kann sich zumindest schon einmal damit behelfen, in einer Lerngruppe anderen den Stoff zu erklären oder darzubieten. Dies trägt wesentlich zur Verinnerlichung bei, zeigt potentielle Verständnislücken auf und bestätigt den Lernerfolg.

von Barbara Klostermann

Die Serie wurde in Ausgabe 3/2009 (September – November) fortgesetzt: Teil 4: Computergestützte und manuelle Lernhilfen

Der Artikel ist erschienen in der 21. Printausgabe (Heft 2, Juni – August 2009), S. 14-15

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