“Sachsens Hochschulen sind hervorragend aufgestellt”

von admin, 1. April 2007,

Interview mit Dr. Eva-Maria Stange (SPD), sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, über demographischen Wandel, Studienbeiträge und sächsische Hochschulen

Dr. Eva-Maria Stange (SPD)

Dr. Eva-Maria Stange (SPD)

Das Problem mit dem demographischen Wandel kennt man auch in Sachsen. Derzeit wird darüber intensiv von Experten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft diskutiert. Die Abwanderung junger Menschen aus Sachsen birgt beispielsweise Probleme für den Arbeitsmarkt, auf dem dann qualifizierte Arbeitskräfte fehlen. Wie die sächsischen Hochschulen damit umgehen und Vorsorge treffen erklärt die sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Dr. Eva-Maria Stange (SPD), im Gespräch mit dem UP-Campus Magazin. Sie spricht sich gegen Studienbeiträge aus und zeigt sich damit unisono mit den anderen neuen Bundesländern. In einem Plädoyer für den Forschungs- und Hochschulstandort Sachsen verrät Stange außerdem, warum Sachsens Hochschulen auch für bayerische Studenten interessant sind.

Guten Tag Frau Ministerin. Einige Bundesländer haben Studienbeiträge eingeführt oder werden dies in naher Zukunft tun. Können sächsische Hochschulen es sich leisten, auf Dauer auf Studienbeiträge zu verzichten oder werden sie früher oder später mit den Hochschulen anderer Ländern mitziehen?

Ich habe immer gesagt – und dazu stehe ich auch nach wie vor, dass es mit mir als Wissenschaftsministerin in Sachsen keine Studiengebühren geben wird. Ich sage das vor allem mit Blick darauf, dass mit der Einführung von Studiengebühren, gerade in den ostdeutschen Ländern, eine bestimmte Gruppe von Studierenden sich ein Studium einfach nicht mehr leisten könnte. Außerdem sind Gebühren ganz klar eine zusätzliche Barriere, sich für ein Studium zu entscheiden. Dabei denke ich besonders an die Kinder aus Facharbeiterfamilien, die schon kein Bafög bekommen, also von ihren Eltern während des Studiums finanziell unterstützt werden müssen, denn einen Nebenjob finden sie im Osten oft auch nicht. Dieser Anteil ist gerade bei den sächsischen Studierenden besonders hoch. Wir haben uns im Hochschulpakt 2020 verpflichtet, konstant 19.900 Studienanfängerplätze in Sachsen zu erhalten. Wenn wir jetzt darüber nachdenken würden Studiengebühren einzuführen, bauen wir eine zusätzliche Barriere auf. Gerade vor dem Hintergrund der ca. um 1/3 zurückgehenden sächsischen Abiturienten in den nächsten Jahren und dem daraus drohenden Fachkräftemangel halte ich Studiengebühren für unvernünftig. Im Übrigen sind sich in diesem Punkt momentan alle ostdeutschen Bundesländer einig. Ich hoffe, dass es auch in Zukunft dabei bleibt.

Derzeit werden in Sachsen Lösungsmöglichkeiten für die Bewältigung des demographischen Wandels gesucht. Wie gehen die Hochschulen damit um und was wollen sie im Hinblick auf die Abwanderung vieler junger Menschen aus dem Freistaat um?

Die Abwanderung von Jugendlichen aus Sachsen ist die eine Sache, der wir nur entgegnen können, wenn es uns gelingt, Voraussetzungen zu schaffen, damit die Jugendlichen hier in Sachsen die Lebensumstände vorfinden, die sie sich wünschen. Dazu gehört, dass sie einen attraktiven Studien- oder Ausbildungsplatz und Arbeitsplätze finden. Hier ist auch die Wirtschaft gefordert. Schon vor der Entscheidung für eine Studienrichtung sollten sich Abiturienten die Frage stellen, welche Zukunftsaussichten habe ich damit? Es gehört aber noch viel mehr dazu, wenn ich an die weichen Standortfaktoren wie ein vielfältiges kulturelles Umfeld, Möglichkeiten zu Kinderbetreuung und vieles andere denke. Bezogen auf unsere Hochschulen sehen wir den demographischen Wandel nicht als Katastrophe sondern als Chance. Im Moment sind unsere Hochschulen hervorragend aufgestellt, die Betreuungsrelationen sind überwiegend gut. Mit Blick auf die sinkende Zahl der Abiturienten aus unserem eigenen Land werden wir ab Ende dieses Jahres bundesweit für den Studienstandort Sachsen und dessen Attraktivität mit der Kampagne „Studieren in Sachsen“ werben. Wir bieten der steigenden Zahl der Hochschulzugangsberechtigten in den westlichen Ländern eine gut ausgebaute Hochschul- und Forschungslandschaft. Der Fachkräftebedarf in Zukunftsbranchen steigt in den nächsten Jahren deutlich an, so dass auch nach dem Studium Arbeitsplätze auf die Absolventen warten.

Bayerische Hochschulen belegen in Rankings regelmäßig Spitzenplätze. Sächsische Institutionen finden sich eher im Mittelfeld. Warum sollte sich ein bayerischer Student für eine sächsische Hochschule entscheiden?

Ich denke, ein bayerischer Student findet in Sachsen vergleichsweise gute Studienbedingungen. Wir haben kurze Studienzeiten, bieten praxisorientierte Studiengänge und natürlich: Ein Studium ohne Studiengebühren. Die Betreuungsrelationen sind vor allem im technischen Bereich hervorragend. Hochschulen in Sachsen sind umgeben von einer leistungsstarken Forschungslandschaft, die zukünftigen Wissenschaftlern exzellente Qualifikationsmöglichkeiten bietet. Dazu kommt, dass das Studium in Sachsen günstig ist. Die Lebenshaltungskosten sind niedriger als beispielsweise in Bayern, auch Wohnungen oder Plätze in den Studentenwohnheimen sind günstig zu bekommen. In Zusammenarbeit mit den Studentenwerken verfügen einige Universitäten über flexibel geöffnete Kindertagesstätten und damit einzigartige Möglichkeiten zum Studium mit Kind. Außerdem, auch das ist immer ein wichtiges Argument, bieten unsere Hochschulstandorte ein abwechslungsreiches, attraktives Studentenleben.

Was tut der Freistaat Sachsen, um als Wissenschaftsstandort attraktiv zu bleiben bzw. attraktiver zu werden? Ist das sächsische Wissenschaftssystem fit für die Zukunft?

Sachsens Wissenschaftssystem ist nicht nur klar auf zukunftsfähige Forschungslinien orientiert, sondern auch weltweit konkurrenzfähig. Die Voraussetzungen dafür liegen in unseren Universitäten. Die Technische Universität Dresden z. B. hat sich als einzige ostdeutsche Hochschule erfolgreich in der 1. Runde der Exzellenzinitiative mit einem Exzellenzcluster und Graduiertenschule aus dem Bereich der Biowissenschaften durchgesetzt. Inzwischen hat auch die Universität Leipzig in der 2. Runde mit ihren Antragsskizzen für einen Exzellenzcluster mit dem Schwerpunkt Mathematik und einer Graduiertenschule im Bereich der Naturwissenschaften überzeugen können und darf nun ihre Vollanträge einreichen. Gerade die Graduiertenschulen, die wir damit in Sachsen weiter ausbauen können, führen dazu, dass wir junge Nachwuchswissenschaftler und -wissenschaftlerinnen aus Deutschland und aus dem Ausland nach Sachsen ziehen, die sich in diesen Bereichen qualifizieren und damit für einen neuen Input sorgen können. Sachsen verfügt momentan mit fünf Universitäten, fünf Fachhochschulen, fünf Kunsthochschulen und der Berufsakademie Sachsen mit acht Staatlichen Studienakademien über ein leistungsfähiges Netz an Hochschulen. Dazu kommt ein enges Netz von Forschungseinrichtungen, bestehend aus sechs Forschungseinrichtungen der Max-Planck-Gesellschaft, dreizehn Forschungseinrichtungen der Fraunhofer-Gesellschaft und sieben Forschungseinrichtungen der Wissensgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz sowie ein Helmholtz-Institut, die in enger Kooperation mit den Hochschulen und der Wirtschaft stehen. Damit haben wir in Sachsen ein sehr gutes und höchst leistungsfähiges, öffentlich gefördertes Forschungspotenzial, für das Staat und Wirtschaft in Sachsen etwas über 2,2 % des Bruttoinlandsproduktes bereitstellen. Außerdem hat sich Sachsen, wenn man das so sagen kann, zu einer unverwechselbaren Marke auf viel versprechenden Innovationsfeldern entwickelt. Auf den Gebieten Material- und Werkstoffwissenschaften, Mikroelektronik und Mikrosystemtechnik, Nanotechnologien, Maschinen- und Fahrzeugbau, Lebenswissenschaften, insbesondere Biotechnologie, Neurowissenschaften, Medizin und Medizintechnik und der Umwelt- und Energieforschung steht Sachsen für innovative Kompetenz. Dafür, dass das so bleibt und dafür, dass vor allem die sächsische Wirtschaft auch zukünftig noch mehr in Forschung- und Innovation investiert, will ich mich gern einsetzen.

Vielen Dank für das Gespräch.

die Fragen stellte Franziska Körner

Das Interview ist erschienen in der 14. Printausgabe (2/2007), Seite 6-7

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