Investitionen in die Zukunft
Erhöhung der Bundesmittel für Begabtenförderung und Stipendien – Vorteile und Vorurteile
Haushaltsdebatten im Deutschen Bundestag folgen immer dem gleichen Muster. Wenn die Eckpfeiler der deutschen Politik nach traditionellen Verbalattacken und wechselseitigen Generalabrechnungen finanziell besiegelt sind, packen Journalisten Kameras, Mikrofone und Blöcke ein und verlassen mit einer Vielzahl von Parlamentariern den Sitzungssaal. Die Diskussion der Etats der vermeintlich weniger bedeutsamen Bundesministerien schafft es daher nur selten in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Eine Entscheidung, die talentierte Studentinnen und Studenten hellhörig machen müsste, hat es auch nicht zur Headline geschafft.
Der „Finanzkuchen“
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) darf im Jahr 2007 zur Begabtenförderung im Hochschulbereich 99,4 Millionen Euro verteilen. 2006 standen der Bildungsministerin, Annette Schavan (CDU), noch 87,7 Millionen Euro zur Verfügung. Die exemplarische Betrachtung der entsprechenden Haushaltsposten in den Jahren 1998 (34,4 Mio. Euro) und 2002 (51,4 Mio. Euro) verdeutlicht, dass die Große Koalition in der Frage der universitären Begabtenförderung Kurs hält und dabei das Tempo noch erhöht. Den Finanzkuchen teilen sich elf Begabtenförderungswerke, die vom Bildungsministerium für die Unterstützung kluger Studenten und Doktoranden verantwortlich sind: die Studienstiftung des deutschen Volkes, die konfessionellen Stiftungen Cusanuswerk und Evangelisches Studienwerk Villigst, die Förderinstitutionen der Sozialpartner Hans-Böckler-Stiftung (DGB) und Stiftung der Deutschen Wirtschaft (Arbeitgeber), sowie die parteinahen Werke Friedrich-Ebert-Stiftung (SPD), Friedrich-Naumann-Stiftung (FDP), Hanns-Seidel-Stiftung (CSU), Heinrich-Böll-Stiftung (Bündnis 90/Die Grünen), Konrad-Adenauer-Stiftung (CDU), Rosa-Luxemburg-Stiftung (Linkspartei). Diese elf Stiftungen sind Mittler zwischen der Bundesrepublik und den deutschen Nachwuchswissenschaftlern. Durch die Vergabe von Stipendien an begabte und motivierte Jungakademiker befriedigen sie das ureigenste Interesse des Staates nach Selbsterhaltung und Reproduktion. Nicht zuletzt darin liegt aus staatlicher Sicht die Legitimation für Begabtenförderung aus öffentlichen Haushaltsmitteln und die aktuelle Erhöhung der Zuwendungen. Allein die Studienstiftung des Deutschen Volkes kann mit Hilfe der großzügigen Finanzspritze den Stipendiatenstamm von derzeit knapp 6.500 auf ca. 9.000 erhöhen. Erklärtes Ziel der Bundesregierung um Kanzlerin Angela Merkel ist, die Förderquote in Deutschland auf ein Prozent anzuheben und dadurch die Zahl der Stipendiatinnen und Stipendiaten bis zum Ende der Legislaturperiode im Jahr 2009 zu verdoppeln.
Vorzüge einer Förderung
Der finanzielle Vorteil für Geförderte liegt auf der Hand. Ein Stipendium ist stets ein lukrativer Ersatz zu Leistungen nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG), schließlich müssen die monatlichen Bezüge von einheitlich maximal 525 Euro und 80 Euro Büchergeld nicht zurückgezahlt werden. Darüber hinaus gewährt die Universität Passau den Stipendiatinnen und Stipendiaten eine Befreiung von Studienbeiträgen -eine bayernweit einmalige Begünstigung und ein klares Bekenntnis zur Unterstützung talentierter junger Menschen.
Ein Stipendium auf großzügige Geldspritzen für klamme und bedürftige Studentenportemonnaies zu reduzieren, wäre verfehlt. Ebenso sind Stipendien keine Belohnung für vergangene Leistungen, keine Auszeichnung zur Selbstvermarktung des eigenen Egos und kein Ansporn zur Produktion akademischer Hochleistungsmaschinen. Begabtenförderung ist Auftrag und Sendung, die Hoffnung auf einen engagierten Beitrag zum Gemeinwohl, eine Investition in die Zukunft von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik.
„Für die immer komplexeren Herausforderungen unserer Welt brauchen wir Menschen, die mit hoher Kompetenz, wacher Intelligenz und sozialer Verantwortung zu denken und zu arbeiten gelernt haben“, formulierte Bundespräsident a.D. Dr. Roman Herzog bei einer Jubiläumsfeier des Cusanuswerkes den zukunftsweisenden Anspruch der staatlichen Zuwendungen. Deshalb steht neben der finanziellen Unterstützung als zweite große Säule die ideelle Förderung von Stipendiatinnen und Stipendiaten. Das Angebot von studienbegleitenden Wochenendseminaren, Ferienakademien, Fachschaftstagungen, Symposien in diversen Bereichen, internationale Begegnungen, Bildungsreisen etc. verleihen diesem pathetischplakativen Begriff greifbare Substanz. Hinter all den Veranstaltungen verbirgt sich letztendlich der Zweck, den Stipendiaten einen Blick über die Fächergrenzen hinaus zu eröffnen und einen Dialog zwischen den verschiedensten Disziplinen zu etablieren. „Begabtenförderung geschieht nicht nur, damit aus einem begabten Physikstudenten ein noch besserer Physiker wird. Begabtenförderung soll Physikstudenten mit Philosophen ins Gespräch bringen, Germanisten mit Biologen, Mediziner mit bildenden Künstlern“, bringt Herzog seinem Wunsch nach dem Ein- und Ausüben einer „grundlegenden akademischen Tugend“ zum Ausdruck.
Persönlichkeit ist gefragt
Die stetige Entwicklung der deutschen Hochschulen hin zur Massenuniversität ist mit einer schleichenden Entwertung der einzelnen Studierenden verbunden. Die begonnene Bachelorisierung, durch die das Hochschulstudium vom ersten bis zum letzten Tag durchgeplant zu sein scheint, beschneidet die Studierenden in ihrer Individualität zusätzlich. Die Begabtenförderungswerke sind in höchstem Maße daran interessiert, die-sem Trend durch ihr Angebot entgegenzusteuern. Deshalb hat sich die Arbeitsgemeinschaft der elf Stiftun-gen in einer gemeinsamen Erklärung zu einer „umfassenden Individualförderung“ bekannt. Schon bei der Auswahl der Stipendiatinnen und Stipendiaten fällt großes Gewicht auf die Persönlichkeit des Bewerbers. So verlangt beispielsweise die Hanns-Seidel-Stiftung neben überdurchschnittlichen Schul- und Studienleistungen „Engagement im politischen, kirchlichen oder sozialen Umfeld und persönliche Eignung“. Und die Stiftung der Deutschen Wirtschaft ist auf der Suche nach „weltoffenen aktiven jungen Menschen, die sich für das Gemeinwohl einsetzen und die zugleich ihre persönliche Entwicklung zielstrebig angehen“. Vor diesem Ausgangspunkt kann es nur folgerichtig sein, die persönlichen Fähigkeiten jedes Stipendiaten während der Förderungszeit und darüber hinaus individuell zu unterstützen. Die Zugehörigkeit zu einer Stiftung schafft Gemeinsamkeiten, sie versammelt gleich gesinnte Menschen. Es entstehen Freundschaften in den Hochschulgruppen vor Ort und weltumspannende Netzwerke, deren Bedeutung in persönlicher und beruflicher Hinsicht oft unterschätzt wird. Stipendiaten, Altstipendiaten, Referenten, Förderer, Vertrauensdozenten aus allen Bereichen – alle Beteiligten profitieren vom Austauschverhältnis, das ein Stipendium ermöglicht.
Vorurteile überwinden
Trotz dieser vielen Vorteile, die ein Stipendium bieten kann, sind erschreckend wenige Studentinnen und Studenten über das Angebot der Begabtenförderungswerke in Deutschland informiert. Und wer sich dafür interessiert, wird immer wieder zum Teil grotesken Vorurteilen konfrontiert. Der Grund liegt wohl darin, dass Begriffe wie „Elite“ in der gesellschaftlichen Realität tendenziell negativ besetzt sind und dass Themen wie „(Hoch-)Begabung“ tabuisiert werden. Stipendiaten gelten allzu häufig als Streber, die regelmäßig die universitäre Notenskala nach oben hin sprengen, nebenbei Aristoteles und Kant intellektuell zum Erblassen bringen, ansonsten aber lebensunfähig sind. Würde man dieser landläufig durchaus verbreiteten Ansicht Glauben schenken, wäre die Förderung begabter, motivierter Studenten und Promovenden als Strafe zu qualifizieren. Derartige Vorstellungen haben keine Schnittmenge mit der Realität, wie auch die Förderwerke in einer gemeinsamen Erklärung verlautbaren ließen: „Begabtenförderung hat nichts mit elitärer Selbstgenügsamkeit zu tun. Sie dient der Allgemeinheit im Engagement für Wissen, Können, Initiative und Verantwortungsbewusstsein der kommenden Generation“.
von Johannes Pinkl
Der Artikel ist erschienen in der 13. Printausgabe (Heft 1/2007), Seite 10-11
- Haushaltskürzungen der Regierung
- Der Regierungebezirk Niederbayern - eine hochschulpolitische Erfolgsgeschichte
- Arbeitskreis Schule, Bildung und Sport (AKS) der CSU Niederbayern
- Reformprojekt Bachelor/Master: Akkreditierung in Deutschland
- Bedenken am Losverfahren für Gymnasienplätze in Berlin
- Stellungnahme des AstA der Uni Passau zu den drohenden Kürzungen der Mittel an den bayerischen Universitäten
- Stipendium einmal anders
- MLP Join the best geht in die sechste Runde
- Stipendium und mehr ab dem ersten Semester
- ABSOLVENTA e.V. gegründet - Vergabe des ersten demokratischen Stipendiums







